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„Very Interesting Person“: Praktikant aus Ecuador: „Alles ist neu“

Alina Meyer 08. April 2019 10:25

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    Jhostin Flores Vargas.

Marl Für den 17-jährigen Jhostin ist alles in Deutschland aufregend. Der Praktikant aus Ecuador muss sogar über Radieschen lachen.

Es gibt sie überall. Eigentlich gehört jeder dazu. Zu den VIPs. Damit meinen wir allerdings nicht die „Very Important Persons“, die auf roten Teppichen rumstöckeln, sondern die „Very Interesting Persons“, die uns im Bus, an der Kasse oder im Schwimmbad begegnen. Wir stellen Euch bei Scenario junge Menschen vor, die ganz klar VIPs sind. Heute: Jhostin Flores Vargas.

„Alles ist neu“ – diesen Satz wiederholt der 17-jährige Jhostin während unseres Gesprächs oft. „Das kalte Wetter, die Züge, die bequemen Sitze im Bus, das große Sortiment im Supermarkt, ja sogar der Hagel. Der tut nämlich weh auf der Haut. All das ist neu für mich.“ Jhostin Flores Vargas besucht in Ecuador in der Hafenstadt Guayaquil das Colegio Alemán Humboldt. Das ist die beste deutsche Schule in Ecuador. Der junge Südamerikaner ist gerade in der zwölften Klasse und nutzt seine großen Ferien für ein vierwöchiges Praktikum in Deutschland.

Renate Pawellek und ihr Mann Jörg Wojcinski haben Jhostin für diese Zeit bei sich aufgenommen. „Für uns ist das eine Premiere. Ich muss sagen, dass Jhostins Aufenthalt unser Leben enorm bereichert. Durch ihn habe ich gelernt, meine Welt mit neuen Augen zu entdecken. Jetzt weiß ich so einige Dinge, die für uns selbstverständlich sind, viel mehr zu schätzen.“

Es sind die kleinen Dinge, die Jhostin immer wieder aufs Neue überraschen: „Ecuador liegt direkt am Äquator. Wir haben immer 32 Grad und hier in Deutschland brauche ich abends eine Wärmflasche. Hier ist es so kalt! Sieben Grad oder so nur!“


Großes Programm für vier Wochen

Allein das Einkaufen ist ein Erlebnis für sich. „Bei euch gibt es so viel Gemüse und so viel Schinken. Das ist ein Paradies! Und dann gibt es so viele verschiedene Sorten Haribo und Milka.“ Haribo sei in Ecuador sehr teuer und Milka gebe es bislang nur in zwei Städten – in Cuenca und in der Hauptstadt Quito. Das ist tatsächlich ungewöhnlich, denn Guayaquil, die Heimatstadt von Jhostin, ist bekannt für den großen Hafen für Kakaobohnen-Export. Trotzdem wird in Ecuador selbst nur wenig Schokolade verkauft.

Aus diesem Grund war ein Abstecher ins Schokoladen-Museum in Köln natürlich ein Muss. „Jhostin konnte uns dort viel über die Handelsbeziehungen und den Export erklären“, sagt Renate Pawellek. Mit Ausflügen und Museen konnte das Ehepaar den Ecuadorianer immer in den Bann ziehen.

„Wir sind beide berufstätig, aber wir haben die gemeinsamen Abende mit Jhostin und die Wochenenden immer gut genutzt.“ Die Liste ist lang: „Wir sind Fahrrad gefahren, waren auf der Halde Hohewart und am Schloss Strünkede, haben Karneval gefeiert, waren im Kölner Dom und im Archäologischen Museum“, zählt die Gastmutter auf. „Und wir waren im Signal-Iduna-Park in Dortmund“, fügt Jhostin mit einem strahlenden Lächeln hinzu. Jhostin ist BVB-Fan. Eine Stadionführung durfte also auch nicht fehlen.

Auch das deutsche Essen schmeckte ihm. „Bratkartoffeln sind so lecker und hier gibt es den besten Salat. Jhostins Gasteltern züchten sogar eigene Radieschensprossen für ihren Salat. „Das kann ich nicht verstehen“, gibt Jhostin zu. „Radieschen – das ist bei uns eine Plage.“

Unter der Woche macht Jhostin ein Praktikum in der Hohenzollern-Grundschule. Vormittags hilft er im Unterricht mit und nachmittags in der Offenen Ganztagsbetreuung (OGS). Was das Wort OGS bedeutet, war für den Ecuadorianer lange Zeit ein Rätsel. „Ich habe einer Freundin am Telefon erzählt, dass ich in der OGS arbeite. Dann fragte sie: „OGS – was ist das?“ „Keine Ahnung, aber es macht Spaß“, hab ich nur gesagt.
Inzwischen ist der 17-Jährige wieder zurück in seine Heimat gereist. Im Gepäck: eine volle 32-GB-Speicherkarte mit vielen Fotos. Zuvor hat Jhostin einen „Tschüss-Brief“, wie er sagt, an seine Schüler geschrieben und sich von ihnen verabschiedet. „Ich werde sie alle vermissen.“

Auch Renate Pawellek und ihr Mann werden sich noch gern an die Zeit zurückerinnern. „Und wer weiß, vielleicht kommt uns bald Jhostins älterer Bruder besuchen“, sagt die Gastmutter. „Er geht auch auf die deutsche Schule.“

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